Category:Zeitungs-/Zeitschriftenbeitrag
Source:liberalX - Magazin der Jungen Liberalen Münster, Ausgabe Juni 2001

Dass Deutschland in seiner Gesellschaft eine ausgeprägte Neid- und Missgunstkultur pflegt, hat ja leider schon Tradition und ist die unverschöpfliche Quelle der Umverteiler und Gleichmacher. Aber auch beim Neiden und Nehmen ist der Fortschritt unaufhaltsam und hat daher in jüngster Zeit zu noch subtileren Formen des Forderns geführt: man rechnet sich gegenseitig vor, wie wichtig man ist, und erpresst den Rest der Gesellschaft damit, auszusteigen und alles bleiben zu lassen.

Allen voran die Spitzenverdiender in spe. Bis in die liberale Familie hinein hört man von den Studierenden(vertretern), dass ihr Studium die Arbeitsproduktivität erhöht, durch niedrigeres Jobrisiko den Arbeitsmarkt entlastet und dem Staat Steuern einbringt (das Argument, Akademiker seien die besseren Demokraten, ist ja wohl hoffentlich nicht ernst gemeint). Es wird versucht, den Eindruck zu erwecken, die akademische Elite des Landes sei eine einzige Quelle sprudelnder externer Effekte. Was sind aber für die Möchtegernwohltäter externe Effekte? Nun, in diesen Kreisen ermittelt man sie landläufig folgendermaßen: man stelle sich die Welt ohne sie vor (also ohne Ärzte, Architekten, Rechtsanwälte, Lehrer etc.) und siehe da: die Gesellschaft wäre ärmer. Infolgedessen stehe der vermeintlich androhbare Wohlstandsverlust den Herren und Damen AkademikerInnen zu, nur dass diese bescheiden genug sind, sich mit einem geschenkten Studium zufrieden zu geben – als Entschädigung für die ersprießlichen externen Effekte, die die Gesellschaft ihren Lernbemühungen verdankt – außerdem würden sie ja alles über höhere Steuern zurückzahlen. Da fragt man sich allerdings, warum sie sich so vom Staat entmündigen lassen wollen, wenn sie ja doch alles zurückzahlen. Dann sollte man doch lieber den Unis das Geld selbst geben und auf eine Gegenleistung bestehen, anstatt sich Massenunis mit Schmalspurqualität vorsetzen zu lassen. Außerdem drängt sich die Frage auf: wenn sie später so viele Steuern zahlen, dann können sie das nur, weil sie auch hohe Einkommen haben. Und in der Tat, kaum eine Investition hat eine bessere Rendite als das Geld, das man in Köpfe investiert (im Zweifel auch in seinen eigenen). Und eben diese Rendite ist der „Dank der Gesellschaft“ für die Produktivität der Akademiker (nicht aller, aber der meisten). Ganz leise und anonym, vornehm gewissermaßen, über den Preis. Von externen Effekten, die einen Marktökonomen beeindrucken könnten, weit und breit keine Spur. Was ein Akademiker für andere (= die Gesellschaft) leistet, bekommt er bei funktionsfähigem Wettbewerb über sein Gehalt auf Euro und Cent ausgezahlt, nicht mehr und nicht weniger. Die Sektretärin muss ihrem akademischen Chef nicht auf Lebenszeit dankbar sein, dass er ihr einen Job verschafft hat – er bekommt seine Leistung entgolten, sie ihre. Beide wären ohne den jeweiligen Partner weniger produktiv. Ein lohnendes Tauschgeschäft für beide also. Für die wenigen akademischen Berufe ohne private Nachfrage kann der Staat immer noch entscheiden, was sie ihm („der Gesellschaft“) wert sein könnten – nicht durch fromme Sonntagssprüche, sondern ebenfalls durch eine adäquate Entlohnung der betreffenden Berufe.

Zurück zum Vorrechnen. Andere Berufsgruppen sind da bescheidener. Was wäre das Land ohne Pfleger, Bauarbeiter oder Kassierer(innen)? Nach der Logik des „Ihr werdet schon sehen, was ohne uns noch läuft!“ würden sich einige Akademiker wundern.

Mittlerweile können auch die Familienpolitiker dem Charme des Vorrechnens nicht mehr widerstehen. Deutschland ohne Nachwuchs. Ein riesiger Kapitalstock ohne den Faktor Arbeit (typischerweise würden Familienpolitiker konservativer Provenienz ja auch die Grenzen für alles Nicht- oder Noch-Nicht-Deutsche möglichst abriegeln). Eine produktive Wüste mitten in Europa. Also her mit einem Teil des Kuchens für die Familien. Keiner weiß, wieviel die Gemeinschaft tatsächlich für die Familien umverteilend aufwendet (beitragsfreie Mitversicherung in der GKV, Rentenanrechnungszeiten, Kindergeld, Freibeträge, Baukindergeld, Zuschüsse für Kindergärten und Schulen usw. usw.), aber jeder Familienpolitiker glaubt pauschal zu wissen: es ist zu wenig. Unsinn! Es ist überhaupt nicht zu wenig, allenfalls wird völlig idiotisch umverteilt, nämlich von der linken in die rechte Tasche der Mittelschicht, so dass für die wirklich Bedürftigen nicht mehr genug übrigbleibt. Kein Liberaler wird bedürftigen Kinder und Jugendlichen eine entsprechende Unterstützung verwehren, wenn sie sonst keine faire Entwicklungschance hätten. Diese Hilfe sollte einzig und allein aus Sicht der jungen Menschen dosiert werden und nicht als Prämie für die Eltern. Eltern bekommen Kinder, weil sie es so wollen. Einer völkischen Belohnung für Geburtsleistungen (oder vorgelagerter Aktivitäten) bedarf es nicht. Deutschland ein kinderfeindliches Land? Allerdings, solange man über Kinder nur in Kostenkategorien („Armutsfalle Kind“) spricht und so tut, als stifteten Kinder ihren Eltern keinen Nutzen. Forderungen, dass Eltern mit Kindern dasselbe frei verfügbare Einkommen haben sollten, wie Erwachsene ohne Kinder, unterstellt genau das.

Die Beispiele zeigen, wie schnell man beim Vorrechnen ins kollektive Verrechnen geraten kann. Zum Glück helfen liberale Prinzipien, diesem gegenseitigen Imponiergehabe einen Riegel vorzuschieben: Freiheit (jeder tut, was er will) und Verantwortung (aber auf eigene Rechnung!). Erst wenn die Freiheit ungebührlich auf Kosten anderer geht (das sind dann wirkliche externe Effekte) oder die Freiheit mangels eigener Leistungsfähigkeit nicht mehr gelebt werden kann, ist die Gemeinschaft gefordert, die dann auch wirklich helfen kann, weil sie ihre Unterstützung nicht wahllos übers Land verstreut, sondern auf diejenigen konzentrieren kann, die sie wirklich brauchen, und nicht für diejenigen, die am unverschämtesten die Hand aufhalten, wenn es ums kollektive Geldverteilen geht.