Category:Zeitungs-/Zeitschriftenbeitrag
Source:Aufwärts - Magazin der Jungen Liberalen Münster, Ausgabe Januar 1999

Marcs Beitrag im letzten Aufwärts („Den Wirtschaftlern ins Stammbuch geschrieben“) war über weite Strecken unwirtschaftlich, weil das, was er den Ökonomen ins Stammbuch schreiben will, dort entweder längst steht oder nicht stehen sollte. Insofern hätte er seine knappe Zeit auch nutzenstiftender verwenden können (kleines Beispiel für angewandte Ökonomik im Alltag ...).

Zunächst einmal zu der Bemerkung, Marc wolle „wohl weniger Markt, dafür aber mehr Marc“. Diese ist weniger reine Wortspielerei, als es zunächst den Anschein hat. Denn wer den Markt als Entscheidungsprozeß für Produktion und Verteilung durch etwas anderes ersetzten will, muß zeigen, daß die Alternative bessere Ergebnisse liefert als der Markt. Ökonomen haben hier berechtigte Zweifel. Märkte sind auf unnachahmliche Weise in der Lage, die dezentral vorhandene Information in einer Gesellschaft zu Tage zu fördern, ohne daß ein einzelner diese überschauen können müßte. Verzichtet man auf diesen Informationsgenerator, so muß man sich oder anderen ein Wissen anmaßen, das man beim besten Willen nicht voraussetzen kann (nicht einmal bei Lehrern). Wer Wirtschaftsbereiche regulieren will, muß zeigen, was die „richtigen“ Ergebnisse sein sollen. Wie hoch ist denn der richtige (gerechte?) Strompreis, die Quadratmetermiete, der Fahrtarif bei Bussen und Bahnen? Wer sich hier nicht von Knappheitsbedingungen und Verbraucherpräferenzen leiten läßt (also wettbewerbliche Märkte installiert), steht mit seiner Weisheit schnell im Regen. Bürokratische Zuteilungsverfahren, Preisvorschriften und Subventionen führen hier leicht zu Ausweichreaktionen und zur Verschwendung knapper Ressourcen. Und dies ist nur die statische Seite der Medaille. Noch verheerender wird es für dieses System, wenn man die dynamische Leistungsfähigkeit von Wettbewerbsmärkten ihrer Alternative gegenüberstellt. Die Erzeugung neuen Wissens in Form von neuen Verfahren und Produkten kann sich nur bei adäquaten Wettbewerbsanreizen optimal entfalten, nicht aber durch staatliche Verordnung. Ächzt das System staatlicher Marktregulierung schon bei der bloßen statischen Ver(ge)walt(ig)ung von Angebot und Nachfrage, so versagt es total bei der Überwindung gegenwärtiger Schranken durch Erzeugung neuen Wissens. Die Beispiele hierfür füllen Bände. Man denke etwa an die Schnelle-Brüter-Technologie, von der insbesondere unsere NRW-Regierung mal so begeistert war, daß sie zu dessen Förderung den Privatsektor in Form von Steuern und Staatsschulden um einige Milliarden Mark erleichtert hat. Nun soll die Solartechnologie für eine ähnliche Enteignungsaktion herhalten. Interventionspolitiker scheinen jetzt schon zu wissen, was die Menschscheit erst in einigen Jahrzehnten wird beurteilen können. Anstatt die Rahmenbedingungen so zu setzen, daß sich diese Technik subventionsfrei dem Wettbwerb mit allen anderen heute oder später denkbaren Alternativen stellen kann, soll sie jetzt mit Gewalt privilegiert werden, koste es, was es wolle. Das ist Anmaßung von Wissen, das allen Marktwirtschaftlern suspekt ist. Die Argumentation ist hierbei freilich schwierig zu führen, weil ein freiheitliches System ergebnisoffen ist und somit immer nur eine diffuse Alternative darstellt, bei der die Ergebnisse zwar am Ende in der Regel besser ausfallen als bei staatlicher Intervention, die aber den Nachteil haben, im voraus unbekannt zu sein (das ist gerade das Besondere am Neuen, das es erst entdeckt werden will). Interventionspolitiker haben es hier einfacher: Seht her, hier haben wir was, das machen wir jetzt!

Natürlich gibt es auch das Problem des Marktversagens (dazu gleich mehr). Es ist aber typisch für die deutsche Diskussion, daß – sobald irgendwo ein (vermeintliches) Marktversagen entdeckt wird – sofort der Staat auf den Plan tritt (im wahrsten Sinne des Wortes). Die Frage, ob das dabei mögliche Staatsversagen nicht noch weitaus größer ist als das bestehende Marktversagen, wird gar nicht mehr weiter bedacht. Wo der Markt nicht paradiesisch funktioniert, spielen die Interventionspolitiker Gott. Und das in allzu simplen und statischen Wenn-Dann-Kategorien ohne Rücksicht auf Anreize und Rückwirkungen im Gesamtsystem einer Volkswirtschaft: „Wenn ein Mensch mehr Sozialhilfe bekommt, dann geht es ihm besser“ (das ist nur insofern langfristig richtig, als diese Maßnahme dazu beiträgt, daß der betreffende Mensch auf lange Zeit von Sozialhilfe abhängig sein wird). Oftmals schafft der Staat erst die Tatbestände, denen er eigentlich abhelfen wollte (teilweise ganz bewußt aus machtpolitischen Überlegungen, oftmals aber nur aus Unkenntnis der Folgen trotz bester Absichten).

Nun noch etwas zum Marktversagen. Marc hat zutreffend festgestellt, daß es so et-was gibt. Und in der Tat, selbst die Ökonomen sind schon darauf gestoßen (etwa vor 100 Jahren). Am Rande sei erwähnt, daß sich die deutsche Nationalökonomik im letzten Jahrhundert maßgeblich aus der Finanzwissenschaft (der Lehre von der wirtschaftlichen Staatstätigkeit) entwickelt hat. Ein Nachholbedarf an marktlicher Skepsis gibt es daher bei den Öknomen nicht. In diesem Zusammenhang spielt die Kollektivgütertheorie eine bedeutende Rolle. Sie zeigt, daß es Bereiche im Wirtschaftsleben gibt, bei denen eine individualisierte Marktlösung nicht optimal ist. Gleichfalls hat die Theorie externer Effekte klar gemacht, auf welche Probleme naive Marktlösungen stoßen und wie dem abzuhelfen sein könnte. Oftmals liegt hier das Problem fehlender Eigentumsrechte vor. Da die Definition und das Durchsetzen von Eigentumsrechten jedoch die staatliche Voraussetzung für das Funktionieren von Marktwirtschaften darstellen, liegt hier eher Staats- als Marktversagen vor. Wenn wir morgen Brot zu einem nicht mehr durch die Rechtsordnung geschützten Gut erklären, werden wir erleben, wie schnell die Brotversorgung in Deutschland zusammenbricht bzw. wie verschwenderisch damit bei staatlicher Bereitstellung umgegangen wird. Ähnliches gilt für Umweltgüter. Da hier der Staat hautpsächlich durch Verbote operiert, anstatt für eine adäquate Eigentumsordnung zu sorgen, handelt er sich (und uns) eine beträchltliche Verschwendung von Umweltqualität ein.

An dieser Stelle noch ein Wort zum Neoliberalismus. Hier haben leider einige einflußreiche Medienorgane wie der „Spiegel“ oder die „Zeit“ in Deutschland unreflektiert (sonst angeblich gar nicht ihre Art) einen jüngeren Begriff aus dem englischen Sprachraum übernommen, der in Deutschland völlig anders besetzt ist. Neoliberalismus (hierzulande besser bekannt als Ordoliberalismus) ist eine Entmachtungstheorie: der einzelne soll weitestgehend vor staatlichem Machtmißbrauch geschützt werden, indem der Staat auf seine Kernkompetenzen konzentiert wird, während gleichzeitig der marktliche Wettbewerb den einzelnen vor privater Macht schützen soll. Hierbei übernimmt der Staat eine entscheidende Rolle, indem er aktiv die wettbewerbliche Ordnung schützt. In dieser Hinsicht wäre manchmal sogar mehr Staat gefordert als weniger. Neoliberale kritisieren jedoch (s.o.), daß sich der Staat in Bereichen einmischt, in denen das durch ihn provozierte Staatsversagen aufgrund von Informationsarmut und Fehlanreizen schwerer wiegt als ein möglicherweise auftretendes oder nur behauptetes Marktversagen. Neoliberale brauchen für ihre Welt einen starken, nicht aber einen fetten Staat. Die Befürchtung, in einer neoliberalen Welt leben zu müssen, in dem es keinen Staat mehr gibt, ist also unbegründet. Es ist ein geistiges Armutszeugnis für die F.D.P., der dümmlichen Verbiegung des Neoliberalismus tatenlos zugesehen zu haben. Nun noch einige Nebenbemerkungen zu einigen Begriffen aus Marcs Beitrag. Zu-nächst mal was zur Regelung der zwischenmenschlichen Beziehungen, die Marc beim Staat offenbar in guten Händen sieht. Ich erinnere mal an die Diskriminierung von schwulen oder lesbischen Lebensgemeinschaften, die beim Staat teuerer sind als die von Heteros (höhere Abgaben, weniger Rechte). Auf Märkten kommt so et-was nicht vor. Hier herrscht Gleichbehandlung ohne Gesinnungsprüfung. Wer sich als Schwuler ein Auto kauft, zahlt nicht mehr als ein anderer und erhält dieselbe Gewährleistung. Sollte doch einmal jemand versuchen, im privaten Bereich nach irgendwelchen Kriterien zu diskriminieren, dann hält eine funktionierende Wettbe-werbsordnung genügend Alternativen bereit. Beim Staat ist das schon schwieriger. Hier sind die Hürden für den Anbieterwechsel (Auswanderung) höher. Deshalb: Keine Einmischung des Staates in Dinge, die ihn nichts angehen, sondern administrative Gleichbehandlung durch Deregulierung!

Für was der freie Markt nicht alles verantwortlich gemacht wird. Jetzt auch schon für Kinderpornografie im Internet und die Scheidungszahlen bei der VW-Belegschaft. Meines Wissens ist bei VW die Arbeitszeit drastisch verkürzt worden. Dies scheint mir eher der Grund für den Trennungsanstieg zu sein als die höhere Flexibilität. Darüber hinaus hat kollektive Arbeitszeitverkürzung nichts mit freiem Markt zu tun, solange einzelne nicht ihre Arbeitszeit individuell aushandeln können, sondern durch Gewerkschaftsfunktionäre bevormundet werden.

Was Herrn Ross von der „Zeit“ angeht, so belegt er ziemlich eindrucksvoll, daß er von freien Wirtschaftsräumen genauso wenig Ahnung hat wie vom Neoliberalismus. Arbeitskräfte, Kapital, Waren und Dienstleistungen müssen nicht fließen, sondern sie können fließen, wenn es für die jeweiligen Eigentümer vorteilhaft ist. In einer freien Welt steigen die Optionen, nicht die Zwänge. Das kann aber offenbar nur jemand verstehen, der Freiheit nicht als Bedrohung, sondern als Chance versteht und wer in indiviueller Entfaltung keine subversive Aggression, sondern die Kraft für die Entwicklung neuer Ideen in allen Lebensbereichen sieht.

Zu guter Letzt eine beruhigende Botschaft aus dem Anfängerlehrbuch für Ökonomen: Der Faktor Mensch steckt letztlich in jeder wirtschaftswissenschaftlichen Glei-chung von Angebot und Nachfrage. Da fließen die Verbraucherwünsche in die Nachfragefunktionen genauso ein wie die Freizeitpräferenz in die Angebotskurven. Kein Wunder: Wirtschaftliches Handeln ist darauf gerichtet, menschliche Bedürfnisse mit den gegebenen Ressourcen optimal zu befriedigen. Am Anfang, am Ende und im Mittelpunkt der Volkswirtschaftslehre steht der Mensch, sonst nichts.