Category:Zeitungs-/Zeitschriftenbeitrag
Source:liberalX - Magazin der Jungen Liberalen Münster, Ausgabe Dezember 2002

„Freiheit nutzt sich ab, wenn man sie nicht nutzt.“ Warum ist das so? Weil mit der Verweigerung von Freiheitsspielräumen auch immer das süße Gift der Bequemlichkeit, der vermeintlichen Sicherheit und des Verantwortungsvakuums mitverabreicht wird. Deshalb ist es gerade in denjenigen Lebensfeldern, in denen wir seit Jahrzehnten sozialistische und paternalistische Strukturen vorfinden, so schwierig, der Freiheit ihren Raum schaffen.

Das gilt natürlich in besonderem Maße für unser sozialistisches Hochschulsystem. Die Miseren werden beklagt, die Verantwortung für ein kreditfinanziertes Studium traut man den Menschen aber nicht zu. Hier hat die jahrzehntelange sozialistische Propaganda vom gebührenfreien Studium als angeblichem Menschenrecht offenbar bis tief ins liberale Lager gewirkt, das ba(h)r jeder Vernunft diesen Unsinn weiterverbreitet und damit die Unmündigkeit der Studierenden fortschreibt. Die LSI hat gerade einen tollen Wahlerfolg erzielt. 22 Prozent von 20 Prozent der Wahlberechtigten gaben ihr ihre Stimme. Man fragt sich, was man nun damit anfängt. Man ist (natürlich) gegen Studiengebühren, klar. Über Güte und Umfang des Studiums sollen lieber die Finanzminister entscheiden. Dann hat man immer jemanden, den man für alle Unzulänglichkeiten verantwortlich machen kann. Der Einzelne soll da auf jeden Fall rausgehalten werden, von wegen Abschreckungswirkung und so. Da ist man dann ganz Paternalist und meint, Erwachsene könnten zwar über alles mögliche entscheiden, für die Planung ihres eigenen Hochschulstudiums sind sie allemal zu unreif. Das macht dann doch besser der Staat in seiner unermesslichen Fürsorge und Weisheit. Wettbewerb zwischen Unis ja, aber nur, solange diese de facto staatlich bleiben. Rückführung des Semesterbeitrages? Nicht mit der LSI: mit den Uni-Liberalen bleibt diese Enteignung, sie wird nur anders verausgabt. Besser natürlich, klar. Wo aber die Studierenden gerade so schön an die Höhe des Betrages gewöht sind, können wir damit ja auch ein paar feine Wohltaten finanzieren. Bin mal gespannt, ob man wenigstens das zwangsweise Semesterticket abschafft, mit dem die große Mehrheit einer kleinen Minderheit eine angenehme Sondersubvention zukommen lässt. Eine feine Umverteilung ist das. Bleibt die Frage, für wen man denn eigentlich in dem 20 Prozent-Parlament Politik machen will. Auch darüber gibt der LSI-Wahlkampf Auskunft: für alle! Insbesondere will man ein Studium, das weniger akademisch ist, damit es für breiteste Massen studierbar wird. Ob das denn der Sinn eines akademischen Studiums ist? Ob man damit nicht all denjenigen die Zukunft verbaut, die dank ihrer Begabungen genau ein solches Studium wollen? Mag sein, hört man da, stimmt schon, dass vier von fünf Studierenden gar nicht hier hingehören. Das sagen wir aber nicht, schließlich wollen wir von allen gewählt werden. Bananen-Wahlkampf gegen die eigenen Überzeugungen. Das ist der Frontalangriff auf das Projekt 18, das als liberales Kontrastprogramm zum üblichen Politik-Bla-bla entworfen ist. Hoffentlich bleibt uns ein solches Schmierentheater im kommenden Jahr erspart.

Soviel zum aktuellen Anlass. Außerhalb der Hochschule geht es dann (leider) in diesem „Eigentlich sind wir ja liberal, aber“ munter weiter. Eigentlich wollen wir Subventionen abbauen, aber für die Wohnungsbauzulage (20000 Euro) muss schon noch Geld da sein, denn Eigenheimbesitzer sind irgendwie verantwortungsvollere und deshalb zuverlässigere Staatsbürger (vielleicht, weil sie bei einer Revolte mehr zu verlieren haben?). Eigentlich sind wir Marktliberale, aber im Rundfunk kann der Staat schon noch ein bisschen mitreden. Eigentlich wollen wir die Staatsverschuldung begrenzen, aber ein bisschen von den UMTS-bedingten Zinsersparnissen können wir doch auch in die Forschung stecken. Eigentlich sind wir der Meinung, die Menschen können selbst für sich entscheiden, aber wenn es um ihre Kinder geht, sollte man ihnen lieber doch nicht über den Weg trauen und staatliche Kindergärten subventionieren, anstatt den Eltern das Geld für private Betreuungsangebote zu lassen. Eigentlich sind wir für eine Wettbewerbswirtschaft, aber der Mittelstand ist uns doch irgendwie wichtiger als die Großindustrie. Da sind wir dann schon wieder den Sozialisten auf den Leim gegangen. Und so wird aus Mittelstandspolitik schnell mittelmäßige Wirtschaftspolitik. Eigentlich sind wir natürlich auch für die Gleichstellung von schwulen und lesbischen Lebenspartnerschaften mit den gemischtgeschlechtlichen Ehen, aber Adoptionsrechte für Schwule und Lesben? Lieber nicht, da verwahren wir die Kinder doch lieber in staatlichen Heimen. Man weiß ja nie und sicher ist sicher. Eigentlich haben wir ein individualistisch geprägtes Menschenbild, aber das Wort „Generationengerechtigkeit“ geht uns doch mühelos über die Lippen, ein Begriff der in seinem kollektivisten Bezug ebenso sinnlos ist wie in seiner materiellen Bedeutung. Und eigentlich sind wir natürlich für die Religionsfreiheit, aber ein bisschen Bevorzugung für das Christentum muss schon sein, gell? Schließlich sind wir hier in Deutschland doch so christlich geprägt: feiern wir den Geburtstag des christlichen Religionsstifters, der einst die Händler aus dem Tempel vertrieb, nicht gerade wieder mit einer ganz besonderen Konsumorgie?

In diesem Sinne, frohe Weihnachten!